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Was tun bei Spastik und "Häschenhoppeln"?

Aufgrund der aktuellen Covid-19 Situation können wir momentan mit euch keinen physischen Kontakt haben. Deshalb sind wir gerade vermehrt hier und in den Sozialen Medien für euch da. Auch auf unserem YouTube Kanal  beantworten wir eure Fragen. Ihr seid herzlich eingeladen dort vorbei zu schauen. In diesem Blogartikel beantworten wir die Frage einer Mutter zum Thema Krabblen und Spastik.

Baby Krabbelt

Flairchen schreibt auf YouTube, dass ihre Tochter sich wie ein Häschen hoppelnd fortbewegt. Sie fragt, wie sie ihre Tochter dabei unterstützen kann ins „richtige Krabbeln“ zu kommen.

Wir haben uns bemüht, in einer Weise zu Antworten, die für viele anwendbar ist. Wichtig ist: Ihr seid die Experten für eure Kinder. Schaut was ihnen gut tut und achtet auf ihre Grenzen. Ohne eure Kinder zu sehen und zu erleben, können wir euch nur allgemeine Tipps geben. So kann jeder selbst sehen, was für sein Kind passt und was nicht. Jeder ist für sein Kind verantwortlich. Wer schon bei NeuroScanBalance Lessons dabei war, weiß, dass diese je nach Situation sehr unterschiedlich aussehen. So ist es wahrscheinlich auch in eurem Alltag!?


Nun zurück zu Flairchen: Die Fortbewegungsart deiner Tochter sieht man relativ häufig. Wir beobachten sie insbesondere bei Kindern mit Zerebralparesen. Du fragst "Wie kann man sie da unterstützen mehr ins 'Richtige Krabbeln' zu kommen?". Man kann daraus lesen, dass du dein Kind als ganzes wahrnimmst und es unterstützen möchtest. Das ist die beste Voraussetzung für deine Tochter zu lernen, nämlich in der Verbindung, die sie zu dir hat! Gratuliere!

Es lohnt sich immer wieder zu reflektieren auf welche Art wir unser Kind sehen. Sehen wir wirklich das Kind, oder schauen wir auf ein Defizit das wir korrigieren wollen? Wenn wir es wirklich sehen und uns ganz auf die Verbindung einlassen, steigen die Lernchancen exponentiell. Ist das nicht genial? Hier sind unsere „Tipps bei Häschenhoppeln“ für Flairchen und euch Eltern.

Hoppeln statt Krabbeln

Einsatz des Beckens und angespannte Bauchmuskulatur

Fühle in Rückenlage, wie sich der Bauch deiner Tochter anfühlt. Ist die Muskulatur angespannt? Damit deine Tochter ihre Beine richtig einsetzen kann, muss das Becken in Bewegung kommen. Dazu muss der Bauch loslassen können. Dies ist auch für die Aufrichtung wichtig.

Du kannst deine Hände links und rechts auf das Becken deiner Tochter legen und mit sanftem Druck Richtung Kopf anfragen, ob das Becken bereit ist hoch zu rollen. Stoppe sobald du einen Widerstand bemerkst, auch wenn er nur sehr leicht ist. Halte das Becken dann für einige Sekunden in dieser Position. Danach kannst du es langsam wieder nach unten rollen lassen. Vielleicht ist die Bauchmuskulatur jetzt schon etwas weniger angespannt? Du kannst diese Bewegung in leichten Variationen noch ein paar mal machen. Mögliche Variationen sind z.B.: Mit der linken Hand mehr Druck als rechts und umgekehrt. Wird die Bauchmuskulatur allmählich weicher? Dann kannst du sehen, ob das Becken sich auch in die andere Richtung rollen lässt. Dies tust du in dem du das Becken deiner Tochter sanft vom Kopf weg rollst. Auch hier gilt: Stoppe am ersten Widerstand.

Baby wird gewickelt
NeuroScanBalance Lesson

Für die freie Bewegung der Extremitäten ist es wichtig, dass sie sich mit der Bewegung des Beckens verbinden. Bewegen sich die Füße kopfwärts, rollt auch das Becken in diese Richtung und umgekehrt. Bewege die Knie deiner Tochter sanft Richtung Kopf und sieh ob das Becken auch hoch rollt. Sei langsam in der Bewegung, damit deine Tochter genau fühlen kann was los ist. Gib ihr Zeit in der Position zu verweilen, bevor du die Knie wieder langsam nach unten lässt. Rollt das Becken leicht wieder mit nach unten? Du kannst auch alltägliche Aktivitäten wie das Wickeln dafür nutzen. Auch hier bewegen sich die Beine kopfwärts und das Becken hebt sich dabei ab.


Unterscheidung

Kindern, die wie "Häschen hoppeln", fällt es schwer ihre Extremitäten unabhängig voneinander zu bewegen. In ihrem Gehirn gibt es keine klare Unterscheidung zwischen dem rechten und dem linken Bein. So ist es nicht möglich absichtlich nur ein Bein zu bewegen. D.h.: Wenn sich ein Knie kopfwärts bewegt, kommt das andere direkt mit. Danach drückt sich das Kind mit beiden Knien nach vorne bzw. hoppelt nach vorne. Ein wichtiger Schritt zum Krabbeln ist die klare Trennung der beiden Beine im Gehirn. Dazu muss das Kind lernen, die Beine unterscheiden zu können. 

Du kannst sie spielerisch dabei unterstützen hier Klarheit zu gewinnen, je nach Entwicklungsstand/Alter z.B. so:

Deine Tochter liegt auf dem Rücken. Du berührst sie z.B. am linken Fuß und fragst sie, „Wo ist meine Hand?“. Vielleicht antwortet sie: „Am Fuß“. Da das so ist, kannst du dir mittels Handzeichen zeigen lassen, an welchem. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Gib ihr genügend Zeit zu spüren. Warte nach jeder Frage bis sie ihre Antwort gefunden hat. Bewegt sie nach dieser Frage die rechte Hand, korrigiere sie nicht. Stattdessen kannst du kurz innehalten ohne sie zu berühren und dann an den rechten Fuß fassen und wieder fragen „Und jetzt?“. So kannst du sie, Schritt für Schritt, durch einen Klärungsprozess leiten.

 

Babyfüße

Ist das an den Beinen noch schwer, kannst du zuerst in Bereichen arbeiten, in denen sie klarer ist. Vielleicht an den Armen? Dann arbeite dich von da aus weiter vor bis zu den Beinen: Wie ist es im Bereich vom Brustkorb, vom Bauch und dann vom Becken? So kann sich der leichte Bereich ausbreiten. Du kannst auch einmal sanft ihren rechten Fuß bewegen und sagen „Das ist der rechte Fuß“, dann am Knie bewegen und dieses benennen und so die ganze rechte Seite durcharbeiten. Halte es einfach und führe nicht zu viel Neues auf einmal ein. Wenn du mit rechts arbeitest, dann benenne nur diese mit rechts. Die linke Seite ist dann die „andere Seite“. 

Differenzierung

Baby in Rückenlage

Es kann sein, dass deine Tochter in anderen Positionen, z.B. in Rückenlage, die Beine leichter unabhängig voneinander bewegen kann. Du kannst z.B. in Rückenlage fühlen, ob sich ein Bein spielerisch kopfwärts bewegen lässt ohne, dass das andere folgt. Der Trick ist: Je langsamer und sanfter du bist, desto wahrscheinlicher ist es, dass du die Beine deiner Kleinen unabhängig voneinander bewegen kannst. Du kannst sie auch fragen, ob sie ihren Fuß oder ihr Knie in Richtung Kopf bewegen kann und dann sehen wie sie das tut. 


Wenn sie das andere Bein mitbewegt, kannst du sie spielerisch fragen "Kannst du das andere Bein dabei liegen lassen?", während du dabei sanft das Bein antippst (welches sie nicht bewegen soll) oder sanft den Kontakt mit dem Bein hältst. So kannst du auf verschiedene Weisen mit ihr kommunizieren, spielen und in verschiedenen Positionen die Möglichkeit geben, die Beine voneinander zu differenzieren. Du kannst auch bei diesen Bewegungen wieder beobachten ob sich das Becken an den Bewegungen der Extremitäten beteiligt oder nicht.

Emotionen

Bei besonderer Erregung „kleben“ die Beine meist noch stärker aneinander, bzw. bewegen sich miteinander. Das merkst du beispielsweise, wenn sie sich freut, oder zornig ist. Dann ist es noch schwerer die Differenzierungen zu finden. Wenn sie während dem Spielen lacht und du bemerkst, dass sie beide Beine steif macht und aneinander „klebt“, kannst du sie sanft an einem Bein halten und fragen "Kannst du das locker lassen?" oder "Merkst du was du mit diesem Bein machst?". Du kannst auch sanft das Bein halten und bewegen. So ermöglichst du ihr zu spüren was sie tut und die überflüssige Aktivität zu stoppen. Denn 

" Nur wenn wir wissen was wir tun, können wir tun was wir wollen." Moshe Feldenkrais 

Mädchen schreit

Wenn sie nicht weiß was sie tut, kann sie es auch nicht kontrolliert bleibenlassen. Natürlich wird es zunächst im weniger erregten Modus leichter sein, das Bein loszulassen. Es lohnt sich aber immer wieder damit zu spielen.

In Bewegung

Baby krabbelt - Profil

Wenn sie vor dir her hoppelt, kannst du auch einmal sanft einen ihrer Füße festhalten. Vielleicht nimmt sie dann den anderen alleine vor, dann kannst du im nächsten Schritt den fassen und sie in dieser Weise vorwärts krabbeln lassen. Wichtig ist, dass du ihre Beine dadurch nicht mit Kraft auseinander ziehst! Bleibe klein in den Bewegungen und beobachte, wie es deiner Tochter damit geht.


Empfehlungen, keine Regeln

In den Lessons gehen wir bei jedem Kind zu jedem Zeitpunkt anders vor, weil wir immer auf das ganze Kind in diesem Augenblick eingehen. Diese Tipps sind ein kleiner Einblick in unseren NeuroScanBalance „Werkzeugkasten“. Sie sollen Ideen vermitteln und euch ermöglichen euch dieser Art zu denken anzunähern. Jedes Kind ist anders und jede Situation ist anders. Deshalb kann niemand eine vollständige Anleitung zum Umgang geben. Ist das nicht erleichternd? Es gibt kein Schema nach dem wir vorgehen müssen. Ein solches könnte auch niemals der Vielfalt des menschlichen Ausdruckes gerecht werden. Wichtig ist, dass du in Verbindung mit deiner Tochter bleibst. Wenn du das tust, können dir diese Tipps helfen auch selber ein paar neue Ideen zu finden. 

 

Liebe Flairchen und liebe Eltern, wir hoffen wir konnten einen Einblick geben und euch damit helfen.

Wir freuen uns schon darauf eure Kinder und euch bald wiederzusehen!

Und wir möchten es noch leichter für euch machen: Demnächst wird es ein Video zu diesen Tipps auf YouTube geben, damit ihr einige dieser Bewegungen live sehen könnt. Bis dahin freuen wir uns auf eure Rückmeldungen und Fragen zu diesem Artikel unten in den Kommentaren. 

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Gut zu wissen

Ob die oben genannten Tipps funktionieren, oder nicht hängt vor allem davon ab, wie sie umgesetzt werden. Es geht nicht darum es "richtig" mit dem Kind zu üben. Wenn du stattdessen auf eine spielerische Reise mit ihm gehst, werdet ihr gemeinsam viel entdecken und lernen können. Im Video könnt ihr ein Paar Tipps zur damit verbundenen Geisteshaltung finden:

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